Am schnellsten wachsende Wassersportart der Welt ist Wingfoilen. Seit etwa 2018 hat sich die Disziplin rasant entwickelt: vom Nischensport in Hawaii zu einer mittlerweile weit verbreiteten Sportart an europäischen Seen, der Ostsee und auch in den Alpen. Wer neu einsteigt, hat es zuerst mit einer Fülle von Entscheidungen rund um Ausrüstung, Technik und Lernstrategie zu tun. In diesem Artikel geben wir ein strukturiertes Überblick.
Was ist Wingfoilen und wie grenzt sich dieser Sport von verwandten Sportarten ab?
Der Wingfoiler hält in beiden Händen einen aufblasbaren Handflügel (Wing) und nutzt den Winddruck, um sich auf einem Hydrofoil-Board voranzutreiben. Das Hydrofoil, ein unter dem Board montiertes Mast-Frontflügel-Stabilisierungsflügel-System, erzeugt ab einer bestimmten Geschwindigkeit Auftrieb, der das Board vollständig aus dem Wasser hebt. Es folgt ein sehr besonders Gleiten, das sich deutlich vom klassischen Surfen oder Kitesurfen abhebt. Im Gegensatz zum Kitesurfen entfällt der lästige Drachen-Launch deutlich, sodass an vielen Spots der Einstieg wesentlich leichter fällt. Im Gegensatz zum SUP-Foiling wird der Wing eine zusätzliche Energiequelle aus dem Wind und erlaubt auch das Fahren gegen den Wind. In einem Windbereich zwischen 12 und 25 Knoten gelten für die meisten Setups als optimal, jedoch können moderne Wings mit hohem Streckverhältnis auch bereits ab 8 Knoten verwertbaren Schub liefern.
Die drei Kernkomponenten: Wing, Board und Foil im Detail
Ein vollständiges Wingfoil-Setup besteht aus drei Komponenten, die komplett unabhängig voneinander sind und beliebig kombiniert werden können. Um beim Kauf nicht fehlzugreifen, ist es wichtig, die Funktion jeder einzelnen zu verstehen.
Wings
Wings werden in Quadratmeter angegeben. Anfänger sollten in der Regel zu Wingen zwischen 5 und 6 Quadratmeter greifen, da sie damit einen breiten Windbereich abdecken und stabiler in der Hand liegen als kleinere. Fortgeschrittene wählen je nach Windstärke Wingen mit Größen zwischen 3 und 7 Quadratmeter. Die wichtigsten Bauteile sind das Streckverhältnis (Aspect Ratio) der Flügelspitzen, die Zahl der Streben, die Handhabung und das Material der Bladder. Zu den Herstellern, die detaillierte Windbereichstabellen für ihre Modelle angeben, zählen Cabrinha, North, Duotone oder NeilPryde.
Board
Das Wing Foil Board ist die Mutter aller Teile. Für Neueinsteiger sind Boards mit einem Volumen ab 100 Litern zu empfehlen, sie geben mehr Auftrieb und ermöglichen es, das Gleichgewicht zu halten, bevor das Foil trägt. Typische Maße für Anfänger liegen bei 140 – 180 Litern Volumen und 150 – 200 cm Länge. Je besser man fährt, desto weniger Volumen benötigt man, erfahrene Fahrer haben auch Boards unter 60 Litern, weil dann das Foil selber Auftrieb gibt. Boards werden in glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) oder Carbon gefertigt, wobei Carbon bei gleich großer Steifigkeit leichter ist und ab einem Gewicht unter 4 kg beginnt.
Hydrofoil
Das Foil-System besteht aus Mast, Fuselage, Frontflügel und Stabilisierungsflügel. Die Mastlängen liegen bei Einsteigern typischerweise bei 60 bis 70 cm, steigen jedoch mit zunehmendem Können auf bis zu 90 cm. Der Frontflügel wird in Quadratzentimetern angegeben, Einsteiger haben in der Regel mit 1500 bis 2500 cm² großen Flügeln zu kämpfen, da sie früher tragen und somit verzeihender sind. Die kleinen Hochleistungsflügel beginnen bei 700 cm², benötigen jedoch sehr exakte Gewichtsverlagerung. Die Verbindungssysteme unterscheiden sich je nach Hersteller, so dass die Foils der verschiedenen Brands oft nicht ineinander passen. Vor dem Kauf also unbedingt die Kompatibilität der Tuttle Box oder das herstellerspezifische Track-System des Boards prüfen.
Die ersten Schritte und die realistische Lernkurve
Wingfoilen lernt man an Land in der Praxis in mehreren Schritten. In einem ersten Schritt übt man also das Handling des Wings an Land, um ein Gefühl für die Kraftverteilung und das Steuern über Handdruck zu bekommen. Das dauert erfahrungsgemäß ein bis drei Stunden. Die zweite Stufe findet dann im flachen knietiefem Wasser statt: hier lernt man kniend oder stehend auf dem Board mit dem Wing zu fahren, ohne zunächst das Foil zu aktivieren. In einer dritten Stufe lernt man dann das Hochkommen auf das Foil.
Realistische Erwartungen: Die meisten Einsteiger brauchen 10–20 Stunden Wasserzeit bis zum ersten stabilen Foilen. Vorerfahrungen im Wassersport, ein gutes Gleichgewicht und windige Verhältnisse wirken sich enorm auf die Lernkurve aus. Erfahrungen aus Kite-Schulen zeigen, z. B. bei Anbietern, die dem Standard des VDWS (Verband Deutscher Wassersport Schulen) genügen, dass Kitesurfer oder Windsurfer den Einstieg deutlich schneller schaffen als komplette Neueinsteiger.
Für die Sicherheit gilt: Neopren und Helm von Anfang an Pflicht, ein Auftriebsmittel empfehlenswert. Zur Sicherheit sollte euer Board mit einer Leash gesichert werden, damit es bei Stürzen nicht wegtreibt. Von einer Foil-Leash, die ihr Board und euch verbindet, ist aus Sicherheitsgründen allerdings abzuraten, da sie bei Stürzen zur gefährlichen Falle werden kann. Die meisten Schulen empfehlen stattdessen, in flachem Wasser zu üben, wo man jederzeit zu Fuß an sein Board rankommt.
Kaufentscheidung: Komplettset oder Einzelkomponenten?
Auf dem Einstiegsmarkt gibt es zwei grundsätzliche Möglichkeiten. Die Komplettsets bündeln Wing, Board und Foil in einem aufeinander abgestimmten Paket. Diese Lösung erleichtert die Entscheidung, beugt Inkompatibilitäten vor und ist in der Regel günstiger als der Einzelkauf, sofern man keine eigenen Vorlieben entwickelt hat. Der Einzelkauf macht erst dann Sinn, wenn man genaue Vorstellungen hat, etwa wenn man ein bestimmtes Foil-System besitzt oder ganz gezielt eine Hochleistungskomponente wählen möchte. Unbedingt notwendig ist dann natürlich die Überprüfung, ob Mast-Track und Board-Tuttle-Box oder Deep-Tuttle-Box zueinander passen. Gebrauchtmärkte und die Demo-Programme der Händler bieten eine gute Möglichkeit, sich vor dem Kauf eines größeren Betrages erst einmal durch verschiedene Setups zu testen.
Ein solider Einstieg in die Sportart erfordert weder technisch überfordernde noch finanzielle Ruin bringende Entscheidungen. Wer die Grundbaumuster durchschaut hat, weiß, wo sein eigener Wind weht und beim Kauf auf die Kompatibilität achtet, dem wird es schnell gelingen, sein Setup für die ersten Stunden auf dem Wasser zu finden.
