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Lauf für Gefangene: Meine Erlebnisse beim Knastlauf in der JVA Plötzensee

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Berlin darf sich ja glücklich schätzen als Laufhauptstadt von Deutschland mit einem prall gefüllten Laufkalender zu glänzen, der neben internationalen Highlights, wie dem Berlin-Marathon, auch kleine, ganz besondere Laufmomente bietet. Und genau so ein ganz besonderer Laufmoment stellt der Lauf für Gefangene dar, der in der JVA Plötzensee nun schon zum achten Mal stattfand. Ich hatte mir diesen Termin fett in meinem Laufkalender markiert und konnte nun endlich auch zum ersten Mal teilnehmen. Was ich dabei erlebt habe, erzähle ich in diesem Laufbericht.

Hintergründe zum Lauf für Gefangene

Entstanden ist der Lauf schon 2014 durch Horst Milde, den Gründer des Berlin-Marathons. Damals war dieses Laufevent im Gefängnis auch noch als Knastlauf oder Knästelauf bekannt. Knästelauf deshalb, weil nicht nur die Insassen der JVA Plötzensee, sondern auch Häftlinge anderer Gefängnisse und Vollzugsanstalten teilnehmen, die teils extra zur Veranstaltung gefahren werden. Das Besondere ist aber nicht nur, daß es somit einen richtigen Laufevent mit offizieller Zeitnahme, Urkunden, Siegerehrung und Pokalen für die Insassen gibt, sondern daß diese Veranstaltung auch für Gäste offen ist, sowohl als Zuschauer, als auch als Teilnehmer. Daher wird während des Events von „internen“ und „externen“ Teilnehmern gesprochen. Beim ersten Lauf 2014 waren dann 25 Interne und 12 Externe am Start. In diesem Jahr ist das Verhältnis aber fast gleich mit 35 internen und 30 externen Startern. Erstmals sind auch 3 Frauen unter den Internen. Mit mehr als 70 Teilnehmern war 2022 der bisher erfolgreichste Laufevent in der JVA Plötzensee.

Der Lauf findet immer an einem Termin im Zeitraum von Ende April bis Anfang Mai statt und die Teilname ist kostenlos. Man muss sich lediglich vorher per E-Mail an sozialearbeit@jvapls.berlin.de unter der Angabe von Name, Vorname, Personalausweis-Nummer und Geburtsdatum – am besten hält man die News bei German Road Races im Blick, damit man den Termin für 2025 nicht verpasst. Mit der Anmeldebestätigung bekommt man dann auch Hinweise zum Ablauf und zum Verhalten mitgeteilt.

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Meine Erlebnisse vom Lauf für Gefangene

An einem Freitag Nachmittag ist es dann also soweit und ich mache mich auf den Weg zur JVA. Gefängnisse kenne ich nur aus dem Fernsehen und auch dort meist aus amerikanischen Filmen und Serien, was nicht gerade dazu beiträgt, daß ich ein vorurteilsfreies oder realistisches Bild auf Gefängnisse habe. Schon als ich in den Friedrich-Olbricht-Damm einbiege, merke ich, daß ich meine gewohnte, heile Welt verlasse. Die Straße ist zwar breit und luftig, aber sie wird zu beiden Seiten von den hohen Gefängnismauern gesäumt. Ich bin früh dran und weit und breit sind keine anderen Läufer zu sehen, aber ich bin richtig und stehe vor einem riesigen, von Backsteinmauern umfassten Metalltor. „Pforte I“ ist korrekt, also klingele ich und mit einem Summen öffnet sich die Tür und ich stehe in der Schleuse. Noch ein paar mal metallisches Klacken und ein kurzer Sicherheitscheck, bei dem ich mein Handy abgeben muss und dann bin ich im Knast. Obwohl ich nur Gast bin, eerschüttert dieser Moment, wenn man die normale, gewohnte Welt verlässt und die schwere Tür hinter einem ins Schloss fällt. Es ist eine Parallelwelt mitten unter uns – schon hundert mal auf der Stadtautobahn vorbeigefahren, aber nie darüber nachgedacht. Und jetzt bin ich selbst hier. Ein mulmiges Gefühl.

Über die verschiedenen Höfe gelange ich dann zu einem großen, begrünten Innenhof. Tische und Bänke sind aufgestellt, ein Tisch mit Kaffee und Kuchen, eine Band spielt sich warm, Flatterband wirbelt im Wind und markiert die Strecke und jede Menge Helfer wuseln herum. Es hat ein bisschen was von Geburtstagsfeier im Garten. Aber dann sind da diese gigantischen Mauern, die oben noch mit Stacheldraht versehen sind. Und jede Menge Beton und Stahl, wohin das Auge auch blickt. Und Vollzugsbedienstete. Gefängnisarchitektur ist robust und brachial, obwohl es hier im historischen Teil, der zwischen 1868 und 1879 errichtet wurde auch viele ansehnliche Backsteinbauten gibt, die in der Frühlingssonne strahlen. Aber die sicherlich sechs Meter hohen Mauern sprechen eine klare Sprache, die um so deutlicher wird, um so näher man ihnen kommt. „Du bleibst hier drin!“ sagen sie.

Aber zu meiner Überraschung gewöhnt man sich doch ziemlich schnell an dieses Szenario, was auch daran liegen mag, daß alle Menschen extrem gut gelaunt, freundlich und respektvoll miteinander umgehen. Ich hole mir also erstmal meine Startnummer, die mit der roten Diagonale über der Nummer sind für Interne, ich bekomme eine ohne und noch ein paar organisatorische Hinweise. Denn hier beim Lauf für Gefangene gibt es eine goldene Regel – Gewinnen dürfen nur die Internen. Liegen also ein Interner und ein Externer Läufer Kopf an Kopf beim Kampf um den Sieg, so muss der Externe zurückstecken.

Ich setze mich ein bisschen in die Sonne und lasse das Szenario auf mich wirken. Horst Milde ist vor Ort und wird von vielen Weggefährten unterstützt, die sicherlich gemeinsam auch schon andere Grundlagen für die Laufszene in Berlin gelegt haben. Es ist mir noch nie so deutlich aufgefallen wie hier. Dieser Bruch, den es zwischen der Gründergeneration der Berliner Laufveranstaltungen, den urigen Laufgruppen, legendären Laufclubs und den jungen Wilden gibt. Hier ist Niemand zu sehen von den coolen Laufcrews, von den rebellischen Laufmarken oder Laufinfluencern. Es scheint als machen die einen ihr Ding und die anderen eben auch. Aber vielleicht sehe ich das nur falsch.

So langsam treffen immer mehr andere externe Starter ein und auch die ersten internen Läufer sammeln sich auf der großen Gartenfläche. Die Internen bleiben unter sich, haben aber teils Familie oder Angehörige unter den Besuchern oder kennen Beamte oder Insassen aus den anderen Gefängnissen, die für die Veranstaltung angereist sind. Auch ehemalige Gefangene sind unter den Besuchern. Nach wie vor bin ich beeindruckt von der respektvollen, höflichen Art und wie sich alle auf und über diese Veranstaltung freuen. Höchste Zeit also das falsche Bild aus dem Kopf zu bekommen, daß einem Filme und Fernsehen eingepflanzt haben. Trotzdem darf man nicht vergessen, daß Niemand ohne Grund ein Interner ist. Aber darum geht es heute nicht. Es geht um das Laufen!

Und dabei werden auch hier beim Knastlauf keine Kompromisse gemacht. Die Strecke wurde von John Kunkeler vermessen, einem World Athletics/AIMS-A-grade-Vermesser, der auch die Strecke des Berlin-Marathon und Berliner Halbmarathon vermisst. Zusammen mit den Kampfrichtern vom Berliner Leichtathletik-Verband, ist die Strecke also wettkampfgerecht vermessen und Zielzeiten und Rekorde würden offiziell anerkannt werden.

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Um kurz vor 16:00 Uhr stehen wir dann also an der Startlinie der 1.000 Meter-Runde, die wir zehn mal absolvieren müssen. Aus nachvollziehbaren Gründen wird auf einen Startschuss verzichtet und nach einem Countdown geht es auf den Kurs, der wie eine leicht verschobene Acht über mehrere Gefängnishöfe führt. Die Spitze legt ein ambitioniertes Tempo vor, denn wie ich höre gibt es unter den Internen zwei richtig gute Läufer, die den Sieg in der Regel untereinander ausmachen.

Ich versuche möglichst konstant zu laufen und erstmal ein wenig Strecke wegzuarbeiten. Der Spreewaldmarathon und der Berliner Firmenlauf stecken noch in den Knochen – also erstmal ausloten was geht. Nach den ersten drei Runden finde ich dann meinen Groove. Im Start-Zielbereich spielt die Band, das Publikum feuert an und Getränke werden gereicht – man könnte fast vergessen, wo man gerade läuft. Runde um Runde spule ich ab und so langsam hole ich die ersten Läufer ein, die zu schnell auf die Stecke gegangen sind. Ab Runde sieben verfliegt dann aber auch bei mir die Leichtigkeit und es wird langsam wirklich anstrengend. „Sind zehn mal tausend Meter länger als 10.000 Meter?“ frage ich mich, als ich den Gong beim vorletzten Überqueren der Ziellinie höre. Nein sind sie nicht, aber man verschätzt sich auf so einem Rundkurs eben doch! Denn „nur noch eine Runde“ bleiben trotzdem 1.000 Meter. Also ein letztes Mal die Beine in die Hand und ab über die Ziellinie.

Und dann ist eigentlich alles wie nach jedem anderen Rennen. Glückliche Gesichter überall, Menschen gratulieren sich und zollen Respekt für das Geleistete. Und auch ich verteile noch ein paar High-Fives und Glückwünsche an die, mit denen ich längere Zeit gemeinsam gelaufen und gekämpft habe. Pascal, der Sieger über die 10km, zeigt mir noch seine Kilometerzeiten. Die letzte Runde hat er noch einmal in 3:35er Pace genommen und ist so in unter 40min bei exakt 39:54min aufs Podium gelaufen. Was für eine krasse Leistung auf so einem kurvigen Kurs.

Während die letzten Läufer noch auf der Stecke angefeuert werden, laufen die Vorbereitungen für die Siegerehrung. Kaum ist der letzte Läufer durchs Ziel wird auch das große Metalltor zum anderen Gefängnishof geschlossen und man wird erinnert, wo man gerade läuft. Aber bei der Siegerehrung sieht man dann wieder, daß Laufen eine universelle Sprache ist. Egal aus welcher Anstalt, ob Intern oder Extern – es wird gemeinsam gefeiert und applaudiert und man ist stolz auf das Geleistete. In diesem Moment ist man Mensch und Läufer – und alles andere wird für einen Moment egal.

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Mit meinen 47:21min bin ich sogar auf den 5ten Gesamtplatz gelaufen und außerordentlich zufrieden. Ich schnappe mir meine Urkunde und bin unendlich dankbar für dieses Erlebnis. Denn bei allem, dem wir den ganzen Tag hinterher jagen und was uns vermeindlich wichtig und dringend ist. Die Freiheit bleibt doch das größte Gut und so leid es mir tut, für die, die es in diesem Moment nicht können. Aber es fühlt sich auch richtig gut an, wenn sich die Gefängnistüren wieder schließen, während man zurück in seiner heilen Welt ist.

Auch jetzt ein paar Tage nach dem Lauf, beschäftigt mich das Erlebte weiter. Zu wissen, daß es dort diese eigene, abgeschlossene Welt gibt, die im Alltag so leicht vergessen wird. Aber auch das wissen, daß es dort „Interne“ gibt, die mit ihren Trainern bei jeder Gelegenheit genau so hart trainieren wie wir hier Draußen. Und für die es dann diesen einen Tag im Jahr gibt, wo man zeigen kann, wie diszipliniert man an sich gearbeitet hat. Trotz allem anderen, was geschehen sein mag, verdient das Respekt und wir als Berliner Laufcommunity sollten auch dort stärker präsent sein und den Respekt zollen. Wer begleitet mich im nächsten Jahr?

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