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Laufen Laufveranstaltungen

Boston-Marathon. Qualifikation, Strecke und meine Erfahrungen von der Reise zum 5ten Major.

Unverhofft kommt oft, so sagt man. Und das trifft wohl auch meinen Glücksmoment, der mir letztlich den offiziellen Titel eines Boston Qualifiers und damit also einen Starplatz für diesen legendären Marathon bescherten. Die ganze Dimension dieser Qualifikation und des Boston-Marathons, der mich nun zum 5ten Stern aus der Serie der 6 World Marathon Majors brachte, wurde mir aber erst im Laufe der Zeit klar. Aber füllen wir doch erstmal die riesige Kaffeetasse von der Marathonmesse nach und fangen ganz von vorn mit dieser epischen Marathonreise an.

Startplatz, Qualifikation und Anmeldung für den Boston-Marathon

Mit seiner Geschichte von inzwischen 126 Jahren, ist der Boston-Marathon der älteste, kontinierlich stattfindende Marathon der Welt, an dem Freizeitsportler teilnehmen können. Der wirklich älteste Marathonlauf ist übrigens der Marathon bei den Olympischen Spielen, der nur ein Jahr vor dem ersten Boston-Marathon wieder auferstand. Wer sich also nicht für die Olympischen Spiele qualifizieren kann, versucht irgendwie zum Boston-Marathon zu kommen, der also 1897 zum ersten Mal stattfand. Aber der Boston-Marathon hat auch für die Gleichberechtigung im Laufsport eine elementare Bedeutung, denn Kathrin Switzer lief hier 1967 als erste Frau bei einem Marathon und legte damit den Grundstein, daß ab den 70ern Frauen dann endlich auch offiziell bei Marathons starten durften. Aber auch für tragische Momente ist der Boston-Marathon durch die Boston Bombings, also den Anschlag auf den Boston-Marathon bekannt, bei dem eine Bombe im Zielbereich gezündet wurde. Zum Legendenstatus gehört natürlich auch die Strecke selbst, die nicht zuletzt wegen des Heartbreak Hill berüchtigt ist, wie man auch im Lauf-Filmklassiker Free to Run sehen kann. Entsprechend kompliziert ist es einen Startplatz zu bekommen. Und neben Tokyo ist es wahrscheinlich einer der beiden Six Majors, wo man am längsten um eine Teilnahme bangen muss.

Boston-Marathon Laufreise
Wie bei den anderen großen Marathons, gibt es auch beim Boston-Marathon verschiedene Wege, um an einen Startplatz zu bekommen. Die sicherste, aber mitunter auch mit einer längeren Warteliste versehene Methode, ist die Buchung einer Marathonreise über einen Veranstalter. Der Boston-Marathon vergibt jedes Jahr eine kleine handvoll Startplätze an die weltweiten Anbieter von Laufreisen, über die man dann die komplette Reise nach Boston mit Flug, Hotel, Rahmenprogramm und dem Startplatz buchen kann. Meist ist das auch garnicht wesentlich teurer, als bei einer individuellen Anreise, aber da die Nachfrage so groß ist, kann es sein, daß man sich auch für diese Option erst auf eine Warteliste setzen lassen muss, bis man dann irgendwann wirklich buchen kann.

Boston-Marathon Charity
Die zweite Möglichkeit für den Start in Boston ist ein Charity-Startplatz. Dabei sammelt man Spendengelder für eine der offiziellen Wohltätigkeitsorganisationen, die mit dem Boston-Marathon kooperieren und erhält dann als Dankeschön einen Startplatz. Allerdings liegen die Spendenniveaus dabei ziemlich hoch. Mindestens 5.000$ müssen eingesammelt werden und Beträge von $100.000 und mehr sind auch keine Seltenheit, wenn man sich hier die Top-Rankings ansieht. Wer diesen Weg versuchen möchte, findet hier alle Infos.

Boston Marathon per Qualifikation
Diese Option kommt leider nur für schnelle LäuferInnen in Frage und meist reicht nicht einmal schnell aus und nur superschnell kommt ins Rennen. Denn auch für die Qualifikationszeiten gibt es ein bestimmtes Kontingent und es bekommen eben nicht alle einen Startplatz, die die Qualifikationzeit gelaufen sind, sondern nur eine bestimmte Anzahl der schnellsten. Aber nochmal von vorn.

Etwa zwei bis zweieinhalb Jahre vor dem gewünschten Boston-Marathon muss man also in einem offiziellen, für die Qualifikation zugelassenen Marathon, die entsprechende Zeit für seine Altersklasse geschafft haben. Welche das ist und welches der entsprechende Zeitraum ist, in dem die Qualifikation erfolgt sein muss und auch welche Rennen offiziell anerkannt werden, steht hier. In Deutschland sind es viele der großen Stadtmarathons wie Berlin, Hamburg, Köln, München, Frankfurt und weitere, die man hier findet. Aber bitte klopft das vorher noch einmal ab, da die Listen teilweise nicht gut gepflegt werden.
Schafft man also die benötigte Zeit, in meiner Altersklasse zum Beispiel eine 3:20h, so hat man zunächst einmal die Möglichkeit, sich für einen Startplatz vorzumerken. Dieses Zeitfenster für die Vorregistrierung ist ziemlich knapp und man hat Anfang November nur fünf Tage Zeit, sich anzumelden. Man muss also auch dabei die Augen offen halten, damit man den richtigen Moment erwischt.

Anschließend werden dann die Bewerbungen kontrolliert, da leider das Erreichen einer Qualifikationszeit für Boston zu den höchsten Motivationsfaktoren für Marathonbetrüger gehört, die dann eine andere Person ins Rennen schicken, die Strecke abkürzen und sonstige Manipulationen vornehmen. Allein deswegen, muss die Qualifikation bei einem größeren Marathon erfolgen, wo etwas höhere Sicherheitsstandards bei der Zeitnahme und Streckenkontrolle herrschen.

Aber auch wer die Qualifikationszeit offiziell erreicht, ist nicht automatisch im Rennen. Im Jahr 2020 war der letzte akzeptierte Qualifizierte 1:39min schneller als die geforderte Zeit und mehr als 3.000 LäuferInnen, die die eigentliche Qualifikationszeit errreicht hatten, bekamen keinen Startplatz. 2021 war das Starterfeld wegen Covid von sonst 30.000 Startern auf knapp 20.000 reduziert worden und somit wurden mehr als 9.000 Qualifizierte nicht angenommen und man musste stolze 7:47min schneller sein, als die offizielle Qualifikationszeit. Aber auch 2018 und 2019 lagen die Erfolgsaussichten nur gut, wenn man zwischen drei und fünf Minuten unter der Qualifikationszeit ins Ziel gekommen war. Ich rechne als damit, daß entweder für 2023 die Qualifikationszeiten gleich weiter angepasst werden oder man in meiner Altersklasse wieder eine 3:13h bis 3:15h statt der offiziellen 3:20h braucht um noch hineinzurutschen. Wie sich die Qualifikationszeiten über die Jahre verschärft haben, kann man hier nachvollziehen. Das offizielle Qualifikationsfenster für den Boston-Marathon 2023 hat übrigens am 1. September 2021 begonnen und alle geeigneten Marathonzeiten ab diesem Datum können für die Bewerbung um einen Startplatz verwendet werden.

Ich hatte mit meiner Qualifikation ganz besonders Glück und Covid hatte ausnahmsweise einmal etwas Gutes. Denn ich hatte aus 2019 noch eine 3:18:52h vom Chicago-Marathon in meinen Ergebnissen. Und nach den Akzeptanzzeiten der Vorjahre hatte ich eigentlich wenig Hoffnungen, mit dieser Zeit auch nur irgendwas in Boston erreichen zu können. Doch ich dachte mir, daß ich mich ärgernd würde, wenn ich es nicht wenigstens versuchen würde. Und immerhin hätte ich dann sagen können, daß ich mal in der Boston-Vorauswahl war. Ehrlich gesagt, fällt mir jetzt erst auf, wie traumatisch es gewesen wäre, wenn ich mich nicht beworben hätte.

Denn durch Covid gab es einen Sondereffekt, den man so natürlich nicht erahnen konnte. Denn es wurde nicht nur das Starterfeld wieder auf die klassischen 30.000 Starter hochgesetzt, sondern vielmehr sorgten die dutzenden von abgesagten offiziellen Marathons dafür, daß es in den letzten beiden Jahren einfach nicht so viele Optionen gab, wo man eine neue Boston-Qualifikationszeit hätte laufen können. Und das wiederum führte dazu, daß wirklich alle Bewerber mit einer gültigen Qualifikationszeit für den Boston-Marathon angenommen wurden. Etwas, daß in den letzten zehn Jahren des Boston-Marathon und wahrscheinlich lange darüber hinaus nicht passiert war. Unglaublich!

Schon am 18. November, also gut zehn Tage nach dem Ende der Bewerbungsfrist, war diese Entscheidung veröffentlicht wurden und als ich dann am 2. Dezember die offizielle, persönliche Bestätigungs-E-Mail über das Athletes Village bekam, konnte ich es dann endlich wirklich realisieren. Boston war immer so weit, so unrealistisch und eine so große Hürde beim Erreichen meiner Six Majors und nun war ich tatsächlich dabei. Und nicht nur dabei, sondern offiziell durch eine gute Laufleistung qualifiziert. Ein absoluter Meilenstein, in meiner langen Laufevolution und damit auch ein riesiger Dank an Piet Könnicke, der mich nach meinem ersten Berlin-Marathon mit 4:39h so geformt hat, daß ich in 2019 solche Leistungen erreichen konnte.

Nach meinem Marathon-Triple aus Berlin, Paris und New York im Herbst 2021 war nun ein riesiger Kalendereintrag für den 18. April 2022 markiert. Also kurz durchatmen und dann neu lostrainieren für Boston!

Boston-Marathon Reise: Flug, Hotel & Anreise

Der Boston-Marathon gehört zu den wenigen Ausnahmen, bei denen ein Marathon nicht an einem Sonntag stattfindet. Denn der Boston-Marathon findet am Patriots Day statt, also immer am dritten Montag im April – das nächste Mal übrigens am 17. April 2023. Welche Besonderheit es in diesem Jahr mit dem Boston-Marathon am 18. April auf sich hatte, merkte ich beim Einkaufen im Supermarkt, als ich das erste Mal die Ostersüßigkeiten entdeckte und „wann ist Ostern“ googelte. Ich würde also die Osterfeiertage nicht mit der Familie, sondern laufend in Boston verbringen. Aber immerhin würde es dadurch sehr sparsam für das Kontingent an Urlaubstagen werden.

Es ergab sich durch das Osterwochenende aber natürlich jede Menge zusätzlicher Reiseverkehr, dem ich gern aus dem Weg gehen wollte. Einerseits um möglichst gesund an der Startlinie in Boston anzukommen und andererseits um den hohen Preisen und dem erhöhten Stress aus dem Weg zu gehen, den es gibt, wenn zum normalen Reiseverkehr auch noch hunderte Familien auf dem Weg zum Osterurlaub unterwegs sind. Also entschied ich mich, mein übliches „Donnerstag bis Sonntag“ Konzept, daß ich sonst bei internationalen Marathons bevorzuge auf Mittwoch bis Montag zu erweitern. Denn so wäre ich noch vor den Osterreisenden unterwegs nach Boston und da man bei einem Start am Montag Abend erst Dienstag früh in Deutschland ankommt, hätte man auch auf dieser Tour die Osterreisewelle umschifft. Natürlich verpasst man vieles an den Marathonparties, aber es ist so eine Eigenart, die ich mir über die Jahre angewöhnt habe. Marathon laufen, Medaille umhängen, Duschen, kurz entspannen und ab nach Hause!

Leider gibt es nach wie vor kaum Direktflüge aus Berlin, also ging es einmal mit Zwischenstopp über Frankfurt / M. und einmal über München nach Boston und zurück. Der eigentliche Flug von und nach Boston dauert knapp 8 Stunden, aber durch die Zwischenstopps verlängert sich die Gesamtreisezeit natürlich noch einmal um ein paar Stunden. Durch die gestiegenen Kerosinpreise kann man inzwischen mit Kosten von rund 1.000€ für einen Flug in der Economy rechnen – es lohnt sich nach wie vor, möglichst schnell zu buchen, sobald man die Qualifikationsbestätigung hat.

Boston fällt leider durch ziemlich hohe Hotelpreise auf. Wahrscheinlich liegt es daran, daß generell viele Touristen zum Patriots Day in der Stadt sind und es insgesamt einfach nicht so ein gigantisches Hotelangebot gibt, wie es etwa in New York oder Chicago der Fall ist, bei denen so einen Marathon mit 30.000 Läufern locker wegstecken. In New York gibt es aber auch fast 1.500 Hotels, während es in Boston nur rund 500 sind – zumindest wenn man den Angaben der Buchungsplattformen glaubt.

Man kann ein wenig sparen, wenn man schon zum Zeitpunkt der Bewerbung um einen Startplatz ein Hotel – beispielsweise über Booking.com vorreserviert und darauf achtet, daß es kostenlos stornierbar ist. So sichert man sich eine halbwegs vernünftige Rate und kann stornieren, falls es doch nicht mit einem Startplatz klappt. Aber die Hotels spielen trotzdem das nervige Angebot-und-Nachfragespiel und so kostete mein Hotel in den Nächten vor dem offiziellen Start des Marathon-Wochenendes noch 187$ pro Nacht, bevor es dann auf 358$ pro Nacht hochschnellte. Auch wer also clever bucht, kürzer bleibt und sich ein Zimmer teilt, wird unter 1.000$ für die Übernachtungen nicht nach Boston kommen.

Ich wohnte im Boston Seaport im gleichnamigen Boston Seaport District, einem hippen Hafenviertel, daß seit einigen Jahren neu belebt wird und mit vielen Restaurants, Kunst und Kultur, aber auch der Strandpromenade und Parks sehr gut zum Laufen geeignet ist. Ein wenig erinnert es an Hudson Yards in New York, wo ja ebenfalls ein Hafenbereich zu einem ganz neuen Viertel aufgebaut wird und das man beim New York Marathon unbedingt besichtigen sollte.

Von Seaport bis nach Downtown Boston ist es dann aber 2-3 Kilometer entfernt, daß man entweder laufen oder mit dem sehr gut ausgebauten Nahverkehr in wenigen Minuten erreichen kann. Ich mag es aber lieber, nicht komplett mittendrin zu wohnen, da damit meist auch der Anteil der Partytouristen steigt, die dann Hotelzimmerparties feiern oder Nachts nach dem Barbesuch betrunken durch ihre Hotelzimmer poltern. Das braucht man natürlich nicht unbedingt direkt vor einem Marathon.

Das angenehme an den Marathons an der Ostküste ist aber, daß die Zeitverschiebung mit 6 Stunden noch recht gut zu verkraften ist. Trotzdem kann man sich natürlich darauf einstellen, daß man an den ersten Tagen recht früh wach wird. Hier hilft es, am besten schon vorher mit Reise-Apps wie Timeshifter an der Zeitumstellung zu arbeiten oder sich im nächstgelegenen CVS mit Melatonin einzudecken.

Sightseeing in Boston

Boston hat einen wirklich schönen Mix aus Historie und Moderne und bietet durch die Parks und Wege an den Ufern viel Abwechslung, um sich ein wenig mit der Geschichte rund um die Boston Tea Party und die Amerikanische Unabhängigkeitsbewegung zu beschäftigen, aber auch um ein wenig zu Shoppen oder sich zu entspannen.

Für einen fußschonenden Einstieg in das Sightseeing empfehle ich übrigens eine Tour mit den Amphibienfahrzeugen der Boston Duck Tours. Denn hier fährt man an Land und im Wasser und bekommt einen sehr guten Überblick über die verschiedenen Stadtviertel und Highlights der Stadt und kann sich anschließend noch leichter überlegen, welche Sehenswürdigkeiten man sich an den anderen Tagen nochmal in Ruhe anschaut.

Wer spazieren will, sollte sich den Freedom Trail nicht entgehen lassen. Denn auf diesem 2,5 Meilen langen Sightseeing-Pfad kommt man an vielen Highlights aus der Unabhängigkeitsbewegung vorbei und es gibt wirklich viel zu entdecken.

Ein absolutes Muss auf der Sightseeing-Liste ist natürlich auch die Harvard University, die nicht nur wegen des wissenschaftlichen Aspektes eine Legende ist und unter den Absolventen spätere US-Präsidenten wie Barack Obama oder George W. Bush oder Schauspieler wie Matt Damon und Natalie Portman und Wirtschaftsgrößen wie Bill Gates und Mark Zuckerberg hat. Der weitläufige Campus mit den verschiedenen Instituten ist aber auch landschaftlich und architektonisch sehr reizvoll und wegen der Parallelen zu Harry Potter auch für alle Potterheads zu empfehlen.

Laufen in Boston: Shake-Out Runs und B.A.A. 5K

Kommen wir so langsam mal zum Thema laufen. Denn die größte Herausforderung beim Boston-Marathon ist ehrlich gesagt, daß Nichtlaufen. Denn fast jede Marke oder Laufcommunity bietet im Vorfeld des Boston-Marathons eigene Shake-Out Runs an und man könnte eigentlich fast mehrfach an jedem Tag mit coolen Leuten aus aller Welt eine Laufrunde drehen. Ganz vorne mit dabei sind die Midnight-Runners, die Heartbreakers und natürlich Tracksmith.

Mit dem B.A.A 5K gibt es am Samstag aber auch schon ein erstes offizielles Rennen vor dem Boston-Marathon, daß ich unbedingt empfehlen kann. Für 55$ können die 10.000 Startplätze reserviert werden und dafür kann man am Samstag morgen schon mal Rennfeeling schnuppern und bekommt ein Teilnehmer-T-Shirt und eine erste Einhorn-Medaille aus Boston.

Was mir gut gefällt ist, daß man seine Startunterlagen für den B.A.A. 5k ganz unkompliziert am Morgen des Rennens direkt im Startbereich abholen kann. Dazu sind im Boston Commons Park diverse Zelte aufgebaut, die dann in US-Läufer und internationale Läufer und dann wiederum nach den Anfangsbuchstaben des Nachnamens sortiert sind. Da die meisten dieses System auch durchschauen, hat man dann nach knapp zehn Minuten seine Startnummer und kann sich am Gepäckbereich einen Gepäckbeutel besorgen. Allerdings gibt es für die Gepäckbeutel nur einen abgesperrten und in Startnummerbereich aufgeteilten Bereich auf dem Rasen, wo man seinen Beutel einfach ablegt. Da aber die Zugänge und Ausgänge kontrolliert werden und beim Verlassen darauf geachtet wird, daß die Nummer des Beutels auch zur Startnummer des Läufers passt, ist trotzdem ein gutes Sicherheitsniveau gegeben. Besonders wichtige Wertgegenstände sollte man natürlich trotzdem nicht hinterlegen.

In knapp 45 Minuten habe ich also alles erledigt und noch ein paar Lagen meines Laufoutfits entfernt und bin bereit für den Start. Es war recht kühl am Morgen, der Wetterbericht versprach Regen und nun drückt sich plötzlich die Sonne durch die Wolken und ich stehe mit meiner Regenjacke im Vorstartbereich, umringt von LäuferInnen in Shorts und Singlets. Aber es ist zu spät, um noch etwas zu ändern, also trotten wir langsam in Richtung Startlinie und lauschen der Eröffnungszeremonie, die mit der live gesungenen Nationalhymne den ersten Gänsehautmoment in Boston auf meine Arme zaubert. Es ist wieder soweit. Die internationale Laufcommunity hat sich wiedergefunden und seit zwei Jahren findet das Laufspektakel in Boston wieder wie gewohnt statt. Und ich mittendrin!

Jetzt bloss nicht durchdrehen, denke ich und dann geht es über die Startlinie. Mit 4:22 geht es über den ersten Kilometer und um mich herum brettern die Läufer vorbei und das typische ploppen der Carbonschuhe ist überall zu hören. Es geht heute um nichts, denke ich, es ist nur ein Spaßlauf – aber nach Kilometer zwei habe ich auch keine Lust mehr überholt zu werden und ziehe langsam das Tempo an. Ja, die Regenjacke ist zu warm und ich fühle mich ein wenig, wie in einem Saunazelt. Aber nur noch einmal um die Kurve und dann ist es auch schon geschafft. Das Zieltor liegt vor mir, nochmal Endspurt und da ist der Spaß nach 21:02 min auch schon wieder vorbei.

Platz 49 der Altersklasse bekommt man übrigens für diese Zeit und verpasst knapp den Einzug in die Top 10% der AK-Starter. Aber es war wirklich ein tolles Gefühl nach dem unendlich langen Training mal wieder das Renngefühl zu spüren und ich bin mit dem Verlauf wirklich zufrieden. Das gibt nochmal ein gutes Gefühl für den Marathon am Montag.

Boston Marathonmesse und Abholung der Startunterlagen auf der Expo

Achtung – wir springen plötzlich wieder einen Tag zurück. Denn schon am Freitag, dem Eröffnungstag der Boston-Marathon Expo, machte ich mich auf den Weg, um meine Startunterlagen abzuholen. Schon am Hotel und in der U-Bahn kam ich wieder mit vielen Läufern ins Gespräch. Und genau das ist auch immer wieder ein Teil der Faszination der großen Marathons, wenn man die verschiedenen Geschichten der Läufer und die Lebens- und Laufwege hört, die letztlich zu diesem Start in Boston geführt haben. Ich traf ein Päarchen aus der Südsee, daß sich darauf freute, nach drei Jahren mit dem Boston-Marathon die World Marathon Majors Serie abzuschließen. Aber auch eine Kanadierin, die bereits zum fünften Mal in Boston startete und natürlich viele, die schon in Berlin gelaufen sind oder es noch auf der Wunschliste hatten. Da merkt man auch, welches Glück man hat, einen der Majors direkt vor der Haustür zu haben.

Jedenfalls navigierten wir uns zusammen zum John B. Hynes Veterans Memorial Convention Center und merkten schnell, daß es nicht die cleverste Idee war, genau zum Eröffnungszeitpunkt zur Messe zu tingeln. Denn die Idee hatten auch viele andere und eine lange Schlange reichte schon halb um das Gebäude. Also schlenderte ich noch einmal schnell zu Tracksmith, die gleich in der Parallelstraße ihr Track House haben. Denn dort gab es nun auch die offiziellen Boston-Hoodies und Shirts und ein Goodie Bag für alle, die eine Boston-Startnummer vorzeigen konnten oder den Startpass.

Leider hatte sich die Schlange in der Zwischenzeit auch nicht großartig verbesssert und so reihte ich mich ein, war aber erstaunt, wie schnell sich die Schlange dann doch bewegte. Nach kaum zehn Minuten war ich dann einmal halb um das Gebäude herum und am Eingang. Allerdings setzte sich die Schlange im Gebäude fort, bis man dann endlich eine Rolltreppe erreichte und zu den Schaltern für die Startnummernausgabe geleitet wurde. Je nach Startwelle ging es in die eine oder die andere Richtung in lange Gänge hinein, wo man dann nach seiner Startnummer sortiert den richtigen Stand suchen musste. Praktischer Weise wurden die Infos zum Impfstatus schon vorab abgefragt und geprüft und so musste man nur kurz den Startpass, den man per E-Mail erhalten hatte vorzeigen und ein Ausweisdokument und schon bekam man sein Starterpack. Neben der Startnummer, Sicherheitsnadeln und dem Aufkleber für den Gepäckbeutel, bekam man auch gleich sein Teilnehmer-Longsleeve und die Beutel für den Start. Auch ein Magazin zum Boston-Marathon und einige andere Kleinigkeiten waren mit dabei. Am besten schaut Ihr später bei Instagram noch mal die Stories an, um einen besseren Eindruck zu bekommen.

Danach ging es weiter durch die Gänge zur wirklichen Boston Marathon Expo. Zunächst landet man, wie häufig bei den großen Marathons, direkt im Fanshop des Hauptsponsors. In diesem Fall also bei adidas. Es gibt Unmengen von Shirts, Shorts, Singlets, Hoodies, kleinen Goodies und natürlich die berühmte Marathon-Regenjacke, die fast schon ein Must-Have ist. Ich bin allerdings etwas enttäuscht, da adidas ganz besonders bei der Männerkollektion, nicht die klassischen Boston-Farben in blau-gelb für die Kollektion verwendet hat, sondern auf eine Lila-Farbkombination gesetzt hat. Innovativ und modisch, aber für mich irgendwie einfach „nicht Boston genug“. Abgesehen davon sind die Preise echt sportlich angesetzt und ich entscheide mich also lediglich für eine Tasse, einen Patch und eine Art Kuhglocke, mit der man andere Sportler anfeuern kann. Denn durch den B.A.A 5k habe ich ja schon ein blau-gelbes Boston-Shirt und im Starterbeutel des Marathons ist ja auch das passende Longsleeve. Übrigens habe ich gesehen, daß es die Kollektion nur eine Woche nach dem Marathon um 40% reduziert in Outlets in den USA gab. Wer also nach dem Marathon etwas länger in den USA ist, kann also vielleicht auch noch das eine oder andere Boston-Schnäppchen machen.

Weiter geht es für mich direkt zu Maurten. Dort konnte man sich schon vor der Messe online ein Race-Pack reservieren, mit Gels und Getränkepulver, daß genau auf die Distanz abgestimmt ist. Außerdem bekommt man das Pack dann in einem Beutel, der extra für den Marathon gelauncht wurde.

Ansonsten sieht man den üblichen Mix aus Ständen, die man bei den meisten Marathonmessen vorfindet. Laufaccessoires, Nahrungsergänzungsmittel, Gadgets, Marathonveranstalter und einige andere Sportmarken, sowie Sporthändler mit einem gemischten Angebot präsentieren sich. Dazu gibt es natürlich wieder die ein oder andere Fotowand für Erinnerungsbilder. So richtig begeistert bin ich aber insgesamt nicht. Ich habe das Gefühl, daß ich eigentlich alles schon mal irgendwo gesehen habe. Das mag aber daran liegen, daß ich in den letzten 12 Monaten bei fünf internationalen Marathons am Start war und etwas verwöhnt bin. Also packe ich meine Sachen zusammen und lasse die Boston Marathon Expo hinter mir.

Ein Tipp ist übrigens auch das Boston Marathon Fan Fest. Auf diesem, nennen wir es mal Marktplatz, direkt hinter der Ziellinie, gibt es nämlich auch noch einmal diverse Stände mit Merchandise, Maurten-Gels und vielen Sponsoren, die sich mit Gewinnspielen und anderen Aktivitäten präsentieren. Besonders interessant ist aber die Bühne, auf der spannende Gesprächsrunden mit Athleten stattfinden oder auch Bands spielen. Es lohnt sich also, einen Blick in das Programm zu werfen und den Besuch entsprechend zu planen.

Raceday: Erfahrungen von der Strecke des Boston-Marathon

Es ist Raceday, Baby! Doch bevor man wirklich den Boston-Marathon laufen darf, durchläuft man eine fast schon epische Anreise, die sogar das Vorspiel beim New York Marathon noch übertrifft. Immerhin hat man die Startzeiten entsprechend angepasst und weit in den Tag hineingelegt. Aber trotzdem klingelt mein Wecker um 6 Uhr und die klassische Marathon-Morgenroutine beginnt. Espresso, ein Porridge zum Frühstück, Rennoutfit an und darüber noch einige Schichten an „Wegwerfklamotten“ für den Startbereich. Denn eine Besonderheit in Boston ist, daß keine Kleiderbeutel in vom Startbereich in den Zielbereich transportiert werden. Was man also mit zum Start nimmt, lässt man entweder dort oder muss es selbst zurück nach Boston bringen. Aber dazu später noch mehr.

Die unendliche Reise zum Start
Die Reise beginnt um kurz nach 6.30 Uhr, als ich mich auf den Weg zur U-Bahn mache. Die Park Street Station ist das Ziel, so wie man es ja beim B.A.A. 5k schon mal geübt hat. Dort wusele ich mich dann als erstes zu den Schulbussen durch, an denen man seinen Kleiderbeutel abgeben kann. Dieser bleibt, wie schon erwähnt, dann genau an dieser Stelle und sollte also Dinge beinhalten, die man nach dem Zieleinlauf braucht. Außer ein paar wärmenden Sachen, habe ich nicht viel abzugeben und navigiere mich also weiter, wieder in Richtung Park, wo man einen Gepäckcheck durchlaufen muss. Denn in die Busse darf man nur die kleinen Extra-Beutel nehmen, die man auf der Expo bekommen hat. Ganz so genau wird es aber nicht genommen und auch Yogamatten oder andere Sitzunterlagen passieren die Kontrolle. Auch wer seine Jackentaschen und Hosentaschen ordentlich vollgestopft hat, bekommt keine Probleme. Es geht wohl hauptsächlich darum, daß keine riesigen Beutel oder Taschen mit in die Busse kommen.

Also flutsche ich mit meinem Beutelchen auch durch diese Kontrolle und komme nun zum Abfahrtsbereich für die Busse. Über die gesamte Straßenlänge am Parkrand sind mit Absperrgittern dutzende kleine Wartebereich absgesperrt, die immer ungefähr eine Busladung an LäuferInnen aufnehmen können. „Bus Loading 7:30 Uhr“ sagt mein Zeitplan für die Startwelle 2, den ich mir vorher als Notiz auf dem Handy gespeichert habe. Und jetzt stehen wir da und vertreiben uns mit Small-Talk die Wartezeit. Es ist fast 8 Uhr, als wir dann unseren Schulbus entern können, aber dann geht es endlich los in Richtung Start. Im Bus herrscht eine entspannte Stimmung, es wird sich unterhalten und viel gelacht. Es fühlt sich fast ein bisschen nach Klassendahrt an. Knapp eine Stunde dauert die Fahrt nach Hopkinton, wo nun 30.000 Marathonies auf 14.000 Einwohner treffen. Dort angekommen, biegen wir in die Einfahrt zur Hopkinton High/Middle School und erreichen die nächste Etappe der Anreise – das Athletes Village!

Die Schule selbst wird für den Marathon nicht genutzt, aber auf der großen Wiese und dem Sportplatz sind diverse Zelte aufgestellt, an denen man sich noch einmal verpflegen kann. Wasser, Maurten und vieles Andere ist zu finden. Aber mir ist jetzt sowieso nicht mehr nach Essen. Also stelle ich mich an der Schlange bei den Dixies an und suche mir ein Plätzchen zum entspannen. Über die Lautsprecher kommen immer wieder lustige Sprüche, aber auch immer wieder Durchsagen, welche Startwelle sich bereitmachen soll für den Weg aus dem Athletes Village. Und irgendwann wird die erste, rote Welle immer weniger genannt und es ist klar, daß nun bald meine, die weiße Welle aufgerufen wird. Also bereitmachen für den Rennmodus! Und das heisst vor allem, sich aus den vielen Schichten warmer Kleidung zu pellen, die ich für die kalten Morgenstunden dabei hatte. Schön finde ich, daß es überall Sammelstellen für die Kleidung gibt, damit sie gespendet werden kann. Ein letztes Mal meine Notizen auf dem Handy durchgehen und die Rennstrategie merken. Wann, wie langsam, wo aufpassen – alles hatte ich mir schon notiert, um möglichst gut durchzukommen.

Und dann geht es los – zumindest glaube ich das. Vor mehr als 4 Stunden hat mein Wecker geklingelt und ich will jetzt wirklich gerne laufen. Und das dürfen wir auch. Und zwar noch einmal für gute fünf Minuten, die wir eine lange Straße hinabschlendern in Richtung Startlinie. Auch hier stehen schon viele Anwohner vor ihren Häusern und feuern uns an, obwohl wir ja noch gar nicht richtig gestartet sind. Es macht trotzdem unglaublich Spaß, die Begeisterung zu spüren und gibt einen guten Vorgeschmack auf das, was gleich passieren wird.

Kurz vor dem Start kommt dann noch einmal ein größerer Bereich mit Dixies für die, die schon länger hier vor dem Start warten. Und dann geht es wirklich hinein in den riesigen Startblock – schnell meinen richtigen Bereich suchen – und wir sind bereit. Den Flyover von 2 riesigen Lockheed C-130 Hercules Militärmaschinen, die die Strecke bis nach Boston überfliegen, habe ich leider schon verpasst. Daher ist der eigentliche Start dann doch ein wenig unspektakulär.

Boston-Marathon: Endlich auf der Strecke!
Es brodelt einfach nur vor Emotionen, als ich um 10:29 Uhr endlich den Startknopf meiner Garmin drücke und die Startlinie überquere. Es war so ein langer Weg, und damit meine ich nicht nur die Anreise zum Start, sondern auch die Qualifikation, das Training und einfach alles. Und jetzt bin ich wirklich hier und es passiert tatsächlich. Irgendwie surreal.

Die Stimmung ist also nicht nur auf der Strecke extrem euphorisch, sondern auch am Streckenrand toben die Zuschauer und ich sammle meine ersten High Fives ein. Die ersten 6 Meilen gehen leicht Downhill, obwohl aber auch hier schon ein paar kleine Wellen zu überwinden sind. Aber es rollt und ich werde ohne Ende überholt, obwohl ich mit meiner Pace von etwa 5min/km jetzt auch nicht gerade langsam bin. Auf flachen Strecken kommt man damit bei 3:30h im Ziel an.

Man merkt also auch hier schon, daß der Boston-Marathon wirklich ein anderes Pflaster ist. Durch die Qualifikationsbedingungen und den Status des Rennens, sind hier deutlich mehr ambitionierte und sehr gute Läufer zu finden, als bei den anderen Majors. Oder eben Verrückte, die sich vom Downhill und den Emotionen und der bombastischen Stimmung zu sehr pushen lassen. Nach meinen letzten Läufen in Paris und New York, wo ich im letzten Drittel weggebrochen bin, wollte ich mir das hier in Boston aber gern ersparen. Also lasse ich mich überholen, versuche locker zu rollen und nicht zu schnell zu werden.

Ich kreuze locker und gut gelaunt die 10km Marke und freue mich auf den nächsten Streckenbereich. Meile 6-10 flach, sagten meine Notizen, also einfach entspannt weiterlaufen und Strecke wegarbeiten. Denn die wirkliche Herausforderung kommt erst noch. Die Straßen sind gut gepflegt, sodass man entspannt laufen kann und am Streckenrand gibt es viel zum schauen. Man läuft durch schöne Naturabschnitte, aber auch durch viele kleine Orte, wo gefühlt jeder Einwohner an der Strecke steht. Häufig mit Bier, Barbecue und einem Soundsystem vor dem Haus. Der Geruch frischer Burger und Steaks klingt verlockend, aber ich habe ja eine Aufgabe zu erfüllen.

Also weiterrollen in den nächsten Streckenabschnitt. „Meile 10 bis 15 Rolling Hills. Aber nicht zu krass“ stehen auf dem Programm. Tempo rausnehmen, ruhig bleiben und Energie sparen für den gemeinen Teil. Auch die kleinen Hügelchen nerven ein wenig, aber so ist das eben, wenn man aus Berlin kommt, wo der gesamte Berlin-Marathon eine Höhendifferenz von lächerlichen 40 Metern hat. Nicht mal das Meer selbst ist flacher!

Aber ich fühle mich blendend und man wird bestens auf der Strecke versorgt. Kaum ist man durch einen Verpflegungspunkt durch, kommt auch schon wieder der nächste. Und man kann also die ganze Zeit sehr gut mit Wasser oder Gatorade arbeiten und neben den eigenen Maurten-Gels, die ich dabei habe, werden bei Meile 11, 17 und 21 auch Maurten Gels gereicht. Allerdings gibt es soweit ich mich erinnere, nichts zu essen. Es werden aber Orangenspalten, Bananen und andere Snacks von den Zuschauern gereicht. Aber wie schon erwähnt, sind die meisten Starter wohl Läufer, die ziemlich genau wissen, was sie tun und was sie wann und wo brauchen und entsprechende Vorkehrungen getroffen haben.

Doch zurück auf die Strecke, wo ein gigantisches Highlight auf mich wartet. Der legendäre Scream Tunnel am Wellesley College. Schon seit dem ersten Boston-Marathon feuern die Studentinnen dieser Mädchen-Privatschule die Läufer an und sind über die Jahre durch den monströsen Soundteppich, den die hunderte von Mädels erzeugen und durch die witzigen Plakate zu eine absoluten Legende geworden. Wirklich jeder, mit dem ich im Vorfeld über Boston gesprochen habe, hat mir vom Wellesley College erzählt und ich reihe mich nun als neuer Fan ein. Es ist einfach unfassbar, was dort am Streckenrand abgeht und überbietet alles, was ich bisher erlebt habe. Ein unglaublicher Gänsehautmoment, der einem die Glückstränen in die Augen treibt.

Und dann geht es auch schon über die Halbmarathonmarkierung und es wird langsam ernst. Ich fühle mich gut, aber die Beine wissen auch, daß sie schon Einiges geleistet haben. Wir steuern auf den gigantischen Downhill bei Meile 15 zu, an den ich mich garnicht mehr so richtig erinnern kann. Denn es wird auch vorher schon zunehmend welliger und vor allem die langgeszogenen Anstiege kosten Kraft, auch wenn sie gar nicht so steil sind. Aber ich laufe inzwischen eine 5:30er Pace und trotzdem ist meine Herzfrequenz ein gutes Stückchen höher, als in der ersten Hälfte.

Und dann sind wir drin. Im Höllenabschnitt von Meile 16 bis 22, wo sich zeigt, wie gut man seine Kräfte eingeteilt hat. Ich komme eigentlich ganz gut durch, aber die Anstiege sind einfach nur ekelhaft. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als ab und zu zu gehen, um einigermaßen energiesparend die Hügel hinaufzukommen. Ich beginne meine Oberschenkel zu spüren und auch meine Gesäßmuskulatur. Es ist jetzt wirklich Arbeit, sich weiter vorzukämpfen. Doch nach dem berüchtigten Heartbreak Hill, einem ziemlich brutalen Anstieg vor Meile 21 wird es einfacher. Also weitermachen und diesen Streckenabschnitt einfach nur hinter mir lassen.

Endlich geschafft denke ich und jetzt nur noch die letzen sieben, einfachen Kilometer ins Ziel bringen. Aber ich habe mich getäuscht. Denn obwohl ich mich auf der Hügelstrecke noch gut gefühlt habe, merke ich jetzt, wie viel Energie ich auf diesem Streckenabschnitt gelassen habe. Und so beginnt bei Kilometer 37 das Herumgegurke, mal laufen, mal gehen – ein brennende Beine und vor allem irgendwie Selbstmitleid. Das Kämpferherz, daß mich sonst schon durch die brutalsten Zielsprints getragen hat, will heute nicht erwachen.

Obwohl es überwiegend bergab geht, sind auch auf diesem letzten Streckenabschnitt immer wieder kleine Hügelchen zu nehmen, die sich beim Zustand meiner Beine aber wie gigantische Gebirge an. Und obwohl die Zuschauer an der Strecke alles geben, finde ich meinen Rhytmus nicht mehr und auch niemanden, an den ich mich dranhängen und ins Ziel schleifen lassen kann. Wenn ich loslaufe bin ich irgendwie zu schnell und muss dann wieder gehen, aber einfach langsamer laufen, will auch nicht so recht klappen. Ich bin leider auch mental nicht in der Lage, mich aus diesem Down zu befreien.

Aber ich komme voran und wie ich jetzt, nach dem Rennen sehe, war ich mit einer Durchschnittspace von 6 oder 7 Minuten jetzt auch nicht unglaublich langsam. Aber die Zeit verrinnt. Und vor allem verrint sie viel zu schnell im Vergleich zur verbleibenden Strecke. So langsam wird mir klar, daß eine Zeit von über 4 Stunden auf meiner Urkunde stehen wird, wenn ich mich jetzt nicht zusammenreiße.

Und da kommt auch das berühmte CITGO-Schild mit dem roten Dreieck, daß mich von einem Hochhaus anstrahlt. „Wenn du das Schild siehst, hast Du es fast geschafft“ hatte Karola aus meiner Laufgruppe gesagt. Und das Schild hilft jetzt ungemein. Knapp eine Meile noch ins Ziel, also ein letztes Mal Courage zeigen und durchlaufen. Jeder Schritt ist ein Kampf, aber in wenigen Minuten werde ich Boston-Finisher sein und meinen 5ten Stern der Majors-Serie holen.

Eine letzte Kurve und ich sehe den Zielbogen vor mir. Für die letzten 500 Meter quetsche ich noch einmal eine 4er-Pace aus meinen Beinen und dann ist es geschafft. Teil der Legende des Boston-Marathons. Ein weiterer Name auf 126 Jahren Marathongeschichte. Boston Finisher 2022!

3:58:21h wird neben meinem Namen stehen. Kann man besser machen, aber nicht heute. Ich bin trotzdem unendlich glücklich, denn allein hier starten zu können, war schon ein Traum. Nun stehe ich hier hinter der Ziellinie und nach ein paar Atemzügen kann ich mich auch einfach nur noch freuen. Alle sind im absoluten Glücksrausch und wir machen gegenseitig Zielfotos und genießen einfach.

Ergebnisse, Starterliste, Urkunden & Medaillen für die Teilnehmer
Was ein bisschen komisch ist, beim Boston-Marathon, ist das Thema Urkunden und Zertifkate. Man kann zwar ganz einfach in den Teilnehmerlisten alle Ergebnisse finden, aber es gibt dort keine Urkunden – so wie es beispielsweise beim Berlin-Marathon per Download ganz einfach möglich ist. Auch im Online-Account also dem Athletes Village findet sich lediglich eine Grafik, die sich aber auch nicht elegant herunterladen lässt. Und auch die Glückwunsch-E-Mails, die man bekommt, sind nicht besonders schön. Wer also was zum Einrahmen für die Wandgestaltung sucht, muss wohl selbst kreativ werden.

Dafür gibt es aber natürlich die legendäre Medaille, die sich in den letzten Jahren sogar noch ein wenig in kleinen Details verändert hat und dadurch noch massiver und schöner geworden ist. Für die Fotos wird Marathonfoto als Dienstleister eingesetzt und man bekommt wirklich viele Fotos von der Strecke und auch aus dem Zielbereich. Auch ein kleines Video vom Rennen kann man im Paket mitnehmen. Das große Paket kostet dann stolze $99,95 und mit Steuern dann knapp $120. Aber Boston ist halt nur einmal und daher nimmt man auch das in Kauf. Wer sparen will, kann aber auch ein einzelnes Bild für $29,95 kaufen.

Fazit zum Boston-Marathon

Der Boston-Marathon ist unter den 6 Majors sicherlich einer der schwersten, wenn nicht sogar der schwerste Marathon. Einerseits wegen der herausfordernden Startplatzvergabe, aber insbesondere wegen des Streckenprofils, daß gerade für Flachlandläufer für mich eine große Herausforderung bei der Renntaktik stellt. Denn einen normalen, flachen Straßenmarathon laufe ich einfach relativ konstant durch – hier kommen nun Tempowechsel und starke muskuläre Belastungen dazu. Man kann sich natürlich mit Bergläufen darauf vorbereiten, aber die Kraft richtig einzuteilen, ist trotzdem sehr schwer.

Ähnlich wie in New York, ist auch in Boston die ganze Stadt im Marathonfieber und die Stimmung ist absolut herausragend. Deshalb rutscht der Berlin-Marathon nun einen weiteren Platz nach hinten – auf Platz 3 für das Gesamterlebnis. Mich zwischen New York und Boston zu entscheiden als Sieger zu entscheiden, fällt mir ziemlich schwer. Beide Läufe sind erstklassig organisiert und über nahezu die komplette Distanz ist einfach nur Party pur am Straßenrand. Ich denke aber, daß mir New York noch etwas besser gefällt, da die verschiedenen Stadtbezirke jeweils noch unterschiedlicher sind und daher Musik und Leute und auch die Stimmung in jedem Borough etwas anders ist. Zudem ist das Laufen in die Skyline von Manhatten hinein, etwas absolut Atemberaubendes. Das mag aber auch daran liegen, daß ich eben eher ein Großstadt-Typ bin und man in Boston eben mehr durch die Vororte läuft.

Trotzem ist Boston ein unfassbar geniales Erlebnis und sollte ich jemals die Chance bekommen, es nochmal versuchen zu dürfen, würde ich keine Sekunde zögern um sie anzunehmen. Allerdings würde ich dann noch härter Trainieren. Denn mit meiner Zielzeit bin ich in Boston unter den Langsamsten. Wo ich also sonst auch mal in den Top 10% oder 20% der Fisher lande, sind hier fast 70% der Starter schneller gewesen und unter den Männern meiner Alterstklasse sogar fast 80%. Boston is for Racers – hatte ich irgendwo gelesen und ja, das stimmt. Ich bin aber keineswegs unglücklich mit meiner Leistung und freue mich, nun jederzeit die Medaille in meiner Sammlung ansehen und mich an die tollen Momente, wie die Gänsehaut am Scream Tunnel erinnern zu können.

Jetzt muss ich nur noch irgendwie an einen Startplatz für den Tokyo-Marathon kommen, damit mein Glück perfekt wird.

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