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The Speed Project: Erfahrungen mit 30 Stunden Staffellauf beim TSP DIY

Durchgeknallte Ideen gehören ganz klar zum Läuferleben dazu. Denn wenn man schon länger in der Laufszene aktiv ist, so schleicht sich doch eine gewisse Monotonie in die Trainingsläufe ein. Und auch klassische Wettkampfformate, wie Halbmarathons oder Marathons, werden mit der Zeit irgendwie gewöhnlich. Also kommt man dann auf so Ideen, wie dem Airport to Aiport Lauf oder die Idee vom Santa Monica Pier zum Las Vegas Strip zu laufen.

Denn so hat 2014 alles beim THE SPEED PROJECT begonnen. Ein Team aus zwei Frauen und vier Männern machte sich also auf den Weg, um die 550km zwischen Los Angeles und Las Vegas so schnell wie möglich zu laufen. Nach 41 Stunden hatten sie es geschafft und 2016, beim nächsten Event, wo dann auch schon mehrere Teams teilnahmen, wurde die Distanz bereits in 36:55h und mit einer Pace von 4:02 gelaufen.

In den folgenden Jahren entdeckten dann auch zunehmend Sportmarken das TSP für sich und Tracksmith, Nike, Adidas und andere schickten dann professioneller ausgestattete Teams und Kader mit immer besseren, semi-professionellen Läufern an den Start. Der aktuelle Rekord hat sich dadurch inzwischen um mehr als zehn Stunden gegenüber dem ersten Lauf verbessert und liegt bei 29:51h, mit einer entsprechend durchgeknallten Durchschnittspace.

TSP DIY – THE SPEED PROJECT in der Do it yourself Version

Ausgelöst duch Covid, aber sicher auch durch den Nachfrageboom von immer mehr Läufern und Sportmarken, wurde dann 2020 das neue TSP DIY Format eingeführt. Dabei handelt es sich um eine dezentrale Variante des TSP, die von hunderten Läufern in aller Welt zeitgleich gelaufen wird – ein wenig vergleichbar mit dem Wings for Life App-Run – nur tausend mal durchgeknallter.

Beim TSP DIY wird dann aber nicht von L.A. nach Las Vegas gelaufen, sondern man versucht in der bisherigen TSP Bestzeit von 29:51h möglichst viele Kilometer mit seinem Team zu laufen – im Staffellaufsystem, bei dem immer nur ein Läufer auf der Strecke ist.

Beim TSP DIY gibt es verschiedene Teamkonstellationen, wie man teilnehmen und letztlich auch in die globale Wertung kommen kann. Die krasseste Kategorie ist die “OG” Kategorie, in der die Teams in der Besetzung des originalen THE SPEED PROJECT, also mit 2 Frauen und 4 Männern antreten. Dann gibt es reine Frauenteams, Solo-Runner und die beliebteste Kategorie, “Freestyle”, bei der man in beliebiger Formation antritt, meist mit etwa 10 Teammitgliedern.

In einigen Großstädten gibt es dann auch sogenannte Hubs, wobei sich dann eine Crew um die gesamte Organisation für mehrere TSP-Teams kümmert und diese dann gemeinsam den TSP DIY laufen. In Berlin hatten die KRAFT Runners einen TSP-DIY Hub in der SPORTS BASE BERLIN aufgezogen und war mit sieben Teams am Start. Das Besondere bei den KRAFT Runners ist, daß sie beim originalen TSP 4.0 selbst von L.A. nach Las Vegas gelaufen sind und somit auch den originalen TSP-Spirit zu 100% verstehen.

Ich hatte das Glück, in diesem Jahr beim Team #LFG (Let’s fucking Go!) mit beim TSP DIY an den Start gehen zu können.

Anrollen an die Startlinie zum TSP DIY

Das wichtigste beim TSP ist die Augen offen zu halten, wann die Bewerbungsphase um die Startplätze beginnt. Denn nach wie vor sind die Plätze begehrt und um den Spirit zu behalten, wird sicher auch nicht jeder Bewerber zugelassen. Bei mir war es dann so, daß ich nach der Zusage von unserem Teamcaptain in eine Chatgruppe eingeladen wurde, wo wir uns als Team #LFG weiter für das Rennen organisierten.

Die KRAFT Runners hatten sich um die Location gekümmert, sodass also eine Homebase gesichert war, wo man sich ausruhen, erfrischen, essen und gemeinsam feiern konnte und wo auch genügend Laufstreckenoptionen für die Teams vorhanden waren. Wir als Team kümmerten uns dann um Verpflegung und die Rennstrategie, wobei wir das relativ entspannt hielten und einfach vereinbarten, daß jeder alles mitbringt, worauf man Bock hat und wir dann alles miteinander teilen.
Da wir mitten in Berlin-Kreuzberg waren, mit unzähligen Restaurants, Supermärkten, Lieferdiensten und einer Tankstelle gleich um die Ecke, machte ich mir auch keine Sorgen, da sich alles worauf man eventuell ganz spontan Lust hätte, schnell besorgen ließe. Auch die Rennstategie ließen wir noch relativ offen und besprachen sie erst kurz vor dem Start.

Hilfreich war aber auf jeden Fall der Kick-Off-Call der Veranstalter, bei dem noch einmal alles erklärt wurde und wo man auch noch einmal Fragen stellen konnte. Getrackt wird das Rennen nämlich mit der Virtual Baton App, also einer Art virtuellem Staffelstab, der die einzelnen Läufe eines Teams dann zu einem einzigen großen Rennen zusammenrechnet. Gefüttert wird diese App über die Daten von MapMyRun oder Garmin eines jeden Läufers. Das bedeutet, daß sogar ein virtuelles Team, bei dem sich jeder Läufer woanders befindet, zusammen den TSP DIY laufen kann, wenn man die zeitliche Abstimmung auf die Reihe bekommt. Denn bei überlappenden Läufen wird natürlich jeweils nur von einem Läufer die Strecke gewertet und wenn es längere Pausen zwischen den Läufern gibt, hilft das auch nicht dabei, eine besonders weite Strecke zu laufen.

Sehr hilfreich war für uns der Time Trial, bei dem zwei Wochen vor dem TSP DIY ein kleines Zeitfenster in der Baton App geöffnet ist, in der man als Team das Staffellaufen testen kann und sehen kann, ob und wie die Daten erfasst und gewertet werden, oder eben nicht. Bei uns war eher Zweiteres der Fall, da viele aus unserem Team erst gar keine Connection zur Baton App bekamen oder die Daten erst deutlich verspätet in der App angezeigt wurden. Also ein guter Hinweis, noch einmal alles ganz genau zu prüfen, vor dem großen Tag.

Was braucht man für den TSP DIY? Eine Packliste.

Laufklamotten:
Zu den Basics gehören sicherlich jede Menge Laufklamotten und Laufschuhe, denn bei 30 Stunden in Aktion, muss man möglichst flexibel auf das Wetter reagieren können und sollte auf alles vorbereitet sein, also auch darauf, daß es Nachts kühler ist und es vielleicht mal regnet oder tagsüber sehr hell ist.
Ein Hoodie oder eine Jacke, die man nachts beim Warten auf den Vorläufer am Start tragen und schnell wieder abwerfen kann, ist sicher sehr hilfreich. Da ich wenig Lust zum planen hatte, habe ich einfach alles Mögliche in eine große Sporttasche gefeuert, einfach nur, um genügend Optionen zu haben. Letztlich habe ich nur zwei Laufshorts, ein Laufshirt, zwei Singlets, eine dünne Laufjacke und Jogginghose und Hoodie für die Nacht benutzt.
Für die Nacht braucht man dann natürlich auch Schlafsack, Decke, Matratze und eben alles, was man für ein Sleep-Over sonst noch so mitnehmen muss – quasi wie Camping – nur Drinnen.

Laufschuhe:
Auch hier ist es gut, wenn man Optionen hat. Da man eigentlich jeweils eher kurz und schnell läuft, sind schnelle Rennschuhe eine Option, die aber auf Dauer doch sehr belastend für den Körper sind. Ich hatte daher auch gedämpftere Schuhe mit dabei, um bei Erschöpfung den Körper etwas schonen zu können. Letztlich habe ich meine schnellen Carbon-Schuhe dann aber gar nicht getragen, da ich mich so eingegrooved hatte in mein System, daß ich mit “never change a running system” kein Risiko eingehen wollte, plötzlich die Belastung auf den Körper zu verändern.

Laufzubehör:
Für die Nacht sollte man unbedingt eine Lauflampe dabei haben und auch eine Reflektorweste kann hilfreich sein, damit man besser gesehen wird. Gerade am zweiten Tag fand ich es sehr angenehm, mit einer Laufsonnenbrille unterwegs zu sein, denn die Nacht war kurz und die Sonne etwas grell. Wer Probleme mit Reibestellen hat, sollte sich Pflaster für die Brust einpacken und Vaseline für andere Reibestellen. Und natürlich Ladekabel für die Sportuhr und das Handy und am besten eine Powerbank. Auch eine Boombox ist eine nette Motivation, wenn man mit Musik laufen will.

Ernährung:
Hier ist wirklich die individuelle Erfahrung gefragt. Ich tendiere bei solchen langen Läufen immer zu echtem Essen und versuche auf Gels und spezielle Sportdrinks zu verzichten. Denn gerade, wenn man sich über längere Zeit von solchem Zuckerschlabber ernährt, dreht irgendwann der Magen oder die Verdauung durch – oder Beides.
Am besten hat man viele kleine Sachen dabei, die eine hohe Kaloriendichte haben und die man schnell wegsnacken kann. Denn in den Laufpausen hat man keine Lust, sich erst ein großes Festmahl zuzubereiten, sondern ballert sich schnell was rein und ruht sich aus.

Bewährt haben sich bei mir:
– Milchbrötchen
– Salzstangen
– Fertignudeln zum Aufgießen
– Gewürzgurken
– Nüsse
– Bananen
– Porridge (mit Honig)
– Bananabread
– Cola
– Kaffee
– Energy Drinks

Helfer!
Das Wichtigste, was man sich für den TSP DIY organisieren kann, sind sicherlich Helfer. Denn während man als Läufer immer mehr in das Paralleluniversum des TSP abdriftet, ist es unheimlich praktisch, wenn es Jemanden gibt, der schnelle Besorgungen für das Team übernimmt, die Organisation im Blick behält und auch mal ein paar Bilder und Stories für Social Media macht. So kann man sich als Läuferteam dann wirklich optimal auf das Laufen konzentrieren.

TSP DIY 2021 – Mit dem Team #LFG 30 Stunden ballern!

Nachdem wir vorher immer nur per Chat miteinander zu tun hatten, gab es beim Kick-Off Event am Freitag Abend das erste Mal die Gelegenheit ein paar Läufer aus der Crew persönlich kennenzulernen und auch zu sehen, wer in den anderen Teams noch so mit am Start war. Auch die Location und Details zur Logistik ließen sich hier noch einmal abklären, sodass die Klarkeit, was und wie nun hier am Wochenende ganz genau ablaufen würde, endlich größer wurde. Einer der wichtigsten Punkte für mich war nämlich auch herauszufinden, wo ich mich mit meinem Dachzelt positionieren könnte – denn so hatte ich zumindest in der Theorie schon mal einen etwas gemütlicheren Schlafplatz.

Also ab nach Hause und Taschen packen. Ich warf einfach alles, was ich irgendwie brauchen konnte, in große Reisetaschen, stöpselte Sportuhr, Handy, Stirnlampe und die Powerbank über Nacht an den Strom und ding-dong – da klingelte auch schon wieder der Wecker. Also rein in die Laufsachen, alles ins Auto einladen und erstmal zum Gruppentraining.
Da ich mich ja gerade in der Marathon-Vorbereitung befinde, wollte ich an diesem Wochenende zumindest eine halbwegs sinnvolle, zusammenhängende Trainingseinheit absolvieren. Und so ging es erstmal für 15km Trailrunning durch den Wald. Das sorgte auch für ein bisschen weniger Nervösität und nach einer kleinen Frischmach-Aktion und einem Snack ging es nun zur SPORTS BASE und zum TSP DIY.

Seit etwa 11.00 Uhr lief dort das Vorglühen, da ja viele Teilnehmer auch erst am Starttag anreisten und sich noch mit der Location und dem Ablauf anfreunden mussten. Ich kam dann gegen 12.00 Uhr an der Location an, mit knapp einer Stunde Zeit, bereit zu werden für den TSP-Wahnsinn. Also schnell das Auto und das Dachzelt in Position bringen und dann einchecken bei der #LFG Crew.

Wir hatten den Meetingraum der SPORTS BASE als Headquarter für unser Team bekommen und damit genügend Stühle zum Chillen und einen großen Tisch um alle Snacks und Goodies auszubreiten. Praktischer Weise gab es auch ein Flipchart, daß später noch zum Einsatz kommen sollte.

Während ich mit meinem Zeltaufbau beschäftigt war, hatte sich das restliche Team schon einmal die Strecke angesehen und so versuchte ich dann Startläufer zu werden, in der Hoffnung, daß ich einfach den anderen Läufern folgen würde, um ebenfalls sicher zu sein, den richtigen Track zu laufen.
Als Startsystem hatten wir ein Einer-Durchlaufsystem gewählt, bei dem jeder im Team immer einen Durchgang auf der Runde laufen würde – und dann wieder von vorn. Denn gerade die richtige Renntaktik zu finden, war eine der größten Aufgaben. Aber ich war überrascht, wie schnell und professionell wir in unserer Gruppe verschiedene Modelle entwickelten, diese bei Bedarf anpassten und auch konsequent durchzogen. Denn es galt das Optimum zwischen Tempo, Belastung, Regeneration und Entertainment zu finden.

Genau um 13.00 Uhr startete ich also erstmals auf die 2.2km lange Runde und kam mit einer 4er-Pace wieder nach Hause und übergab an Melli. Nachdem die neun Läufer nach mir durchgelaufen waren, stellten wir das System auf ein Zweier-Doppellaufsystem um, bei dem jeweils eine Frau und ein Mann abwechselnd zwei mal laufen würden. Damit würde sich die Pause entsprechend vergrößern, aber die Belastung immer noch recht kontrollierbar bleiben.

Also startete dann um 14:31 Uhr mein zweiter Durchgang – dieses Mal mit 4:04er Pace. Ich über gab an Melli, die mir mit ihrem Durchgang etwas Zeit zum Durchatmen verschaffte und weiter ging es um 14:49 zu meinem nächsten Durchgang – mit 4:14er Pace. Durch das neue System hatte ich nun fast 3 Stunden Pause und versuchte mich noch einmal kurz hinzulegen, um etwas Kraft für die Nacht vorzutanken. Aber wie ich schon von anderen gehört hatte, war der Körper entsprechend hochgefahren und das DJ-Soundsystem trug auch nicht unbedingt zum Herunterkommen bei. Aber alleine das mal kurz die Beine ausstrecken und im Halbschlaf herumliegen, sorgte für ein bisschen Entspannung. Denn es lagen ja immer noch mehr als 24 Stunden vor uns mit vielen, vielen Laufdurchgängen.

Um 17:40 Uhr und 17:59 Uhr ging es dann für die nächste Doppelrunde raus auf die Strecke, bevor wir dann in den Nachtmodus wechselten. Für die Nacht hatten wir uns überlegt, daß jeweils ein Zweierteam für eine Stunde unterwegs sein würde, damit sich die Pause auf etwa 5 Stunden erhöhen und somit Jeder ein bisschen Schlaf bekommen würde.
Auch wenn die Pace bei jedem Durchlauf ein paar Sekunden langsamer wurde, blieben Tempo und Motivation beim Team unglaublich hoch und jeder pushte sich immer wieder neu ans Limit. Zwischendurch immer mal wieder eine Banane oder irgendeine andere Kleinigkeit und zum “Abendbrot” dann eine 5-Minuten-Terrine, die unglaublich gut tat. Manchmal ist eben auch so eine Geschmacksverstärkertunke richtig geil, wenn Lust auf einen würzigen Geschmack bekommt, nachdem man tagsüber vor allem süßere Sachen gegessen hat. Von den Zauberkräften, die Gewürzgurken innesteckt, konnte ich das Team allerdings nicht überzeugen. Vielleicht muss ich das im nächsten Jahr einfach nochmal größer aufziehen mit einem richtigen Stand mit Gurkenfässern.

Gerade das strategische Essen und Trinken ist bei solchen Veranstaltungen ein Schlüssel zum Erfolg. Denn man muss konstant Essen und Trinken, damit die Versorgung des Körpers keine Lücken aufweist. Hunger oder Durst sind ja eigentlich schon Zeichen einer Unterversorgung, daher habe ich einfach immer grundsätzlich etwas gegessen nach jedem Laufdurchgang, egal ob ich nun Hunger oder Appetit hatte oder nicht.

Um 21:00 Uhr starteten Melli und ich dann auf unsere erste Nachtrunde. Melli als Eisbrecher auf dem Fahrrad vor mir, um uns einen Weg durch die Partymeute zu bahnen, die am Samstag Abend in Berlin Kreuzberg zur Höchstform auflief. Daher hatten wir auch entschieden, daß wir Nachts nicht allein laufen würden, sondern immer eine Fahrradbegleitung mitschicken. Denn nicht Alles, was Angetrunkene und Feierwütige für eine gute Idee halten, ist wirklich eine gute Idee. Mal abgesehen davon, hilft es dabei, sich auch Nachts ordentlich zu pushen und auch dann noch eine gute Pace zu gehen.

Für unsere Runden hatten wir uns einen kleinen, ruhigeren Straßenabschnitt ausgesucht, auf dem dann nur wenige Leute unterwegs waren. Und so bekamen wir unsere ersten 15 Minuten Einheiten auch gut weggelaufen. Melli hatte mit der Ballern-Playlist zudem noch für Akkustiksupport gesorgt, sodass ich meinen zweiten Durchgang mit erstaunlichen 4:33 Pace stoppte. Aber auch Melli war gut drauf und ballerte beim letzten Durchgang mit einem derartigen Affenzahn zurück ins Headquarter, sodass ich es kaum schaffte, noch vor ihr anzukommen, um das Fahrrad an das nächste Team weiterzugeben.

Diskokugel, DJ am Freidrehen, Bengalos am Brennen. Die Stimmung am Wechselpunkt war richtig gut und so viel es schwer, sich dann doch zum Runterkommen und zum Chillen zu zwingen. Denn die Pausenuhr tickte bereits. Nachts um 2, nächster Durchgang von Team Melli und Daniel, zeigte unser Flipchart an. Also schnell eine Mütze Schlaf oder das was eben so geht.

Ganz überrascht, daß ich irgendwie Bock hatte auf Laufen, stand ich dann also um 2:00 Uhr wieder mit Melli an der Wechselzone. Die Partymeute in Kreuzberg war nun schon zunehmend im Absturzmodus, maximum Pegel und irgendwie musste ich beim Laufen auch über meinen eigenen Alkoholkonsum nachdenken. Denn auch ich kenne das Gefühl, wenn man in einer Gruppe torkelnd durch die Gegend zieht und alles witzig und cool findet. Wenn man das allerdings bei Anderen mit den knallwachen Augen eines Athleten sieht, der gerade 30 Stunden durch die Gegend ballert, ist das doch irgendwie peinlich. Vielleicht sind diese läuferischen Extreme ja auch nicht normal, aber auf jeden Fall ein Kick, der nicht so billig zu bekommen ist, wie ein Alkoholrausch.

“Tapp, tapp, tapp, tapp” schallte der Laufschritt auf dem Asphalt durch die Stille der Nacht, die neue Playlist wirkte und mit 4:31er Pace im ersten Durchgang und 4:35 im zweiten Durchgang, zeigten auch die Beine wieder eine gute Leistungsbereitschaft. Vielleicht war die länge Pause wirklich eine gute Idee gewesen.

Auch Melli zeigte Nachts ihre Kämpferqualitäten. “Ich bin sehr ehrgeizig….” hatte sie irgendwann beim Quatschen gesagt und jetzt konnte ich es sehen. Damit wir keinesfalls ein paar Meter zu kurz oder ein paar Sekunden zu früh in den Wechselpunkt zurückzukommen würden, bog Melli an der Kreuzung rechts zu einer Bonusrunde ab. Geradeaus ging es direkt in die SPORT BASE zurück, rechts für die Extrameile. Das muss man kurz vor 3 Uhr Nachts erstmal bringen! Fetten Respekt dafür nochmal, Melli.

Damit war die Nachtschicht erledigt, schnell noch einmal Beine ausruhen und ein wenig Powernapping. Um 7:00 Uhr standen wir wieder an der Wechselzone und so richtig Lust auf Laufen hatte ich nicht. Mein Körper hatte sich in dieser Pause wohl doch etwas mehr heruntergefahren. Aber hilft ja nichts – also aus auf die kurze Runde zum allen Doppellaufsystem!
Die ersten tausend Meter liefen noch ganz gut, aber dann wurde ich zunehmend langsamer. 4:35er Pace auf der Aufwachrunde und dem insgesamt zehnten Durchgang beim TSP DIY. Mit 4:21 lief es beim zweiten Durchgang dieses Doppelpacks dann aber schon wieder etwas besser.

Noch 12 Stunden bis zum Ziel, nur noch Tageslicht und erstmal drei Stunden Laufpause. So langsam konnte man auch ein bisschen Countdown-Feeling aufbauen und ich begann zu überschlagen, wie oft ich noch laufen würde. “Alles irgendwie machbar” war die Schlussfolgerung. Jetzt aber erstmal Frühstück und mit einer ordentlichen Portion Porridge, Banane und Espresso die Grundlage für den Tag legen.

Um 10:30 Uhr ging es weiter und es machte richtig Spaß, sich mit den anderen auf der Strecke zu duellieren und durch die Opfer der Nacht und die merkwürdig schauenden Sonntagsspaziergänger hindurchzupflügen. Denn spätestens jetzt war man auch voll im TSP-Modus und irgendwie auch ein wenig im Autopilot. Bereitmachen, Ballern, Chillen, Bereitmachen, Ballern – man wusste jetzt wie es geht und mit 4:14 Pace beim ersten und 4:24 beim zweiten Durchgang, war das Frühstück wohl auch in den Beinen angekommen.

Das Schwerste war inzwischen aber nicht das Laufen geworden, sondern das Aufraffen aus dem Chillout-Modus. Um die Dynamik zu erhöhen, stellten wir daher auch wieder auf das System vom Anfang um, wo jeder einen Durchgang laufen sollte. Mit 4:15er Pace klappte dann auch der 14te Durchgang ganz ordentlich, bevor ich dann irgendwie einen Durchhänger bekam und erstmal eine Weile im Teamraum herumsaß, vor mich hin futterte und mit Espressos und Energy Drinks meine Motivation behandelte. Aber vor allem der fehlende Schlaf hatte seine Spuren hinterlassen. Mit 4:20 Pace war dann der nächste Durchgang um 15:00 Uhr aber doch nicht so übel und ich hatte die Leistungskurve wieder aufwärts gedreht.

Um die Stimmung weiter anzuheben, stellten wir das System nun ein letztes Mal um – auf die halbe Distanz. Jeder hatte also nur noch 1.1km zu laufen und konnte somit auch noch mehr Tempo in die Läufe geben. Gleichzeitig wurden die Pausen so kurz, daß man die ganze Zeit am Wechselpunkt blieb und mit den anderen Läufern einfach nur noch feierte. Denn auch die anderen Teams hatten umgestellt und so war eigentlich immer etwas los am Wechselpunkt. Läufer kamen rein, andere ballerten los – der DJ knallte auch seine fettesten Bretter raus und der Körper belohnte die Leistungen mit einer Dusche aus Endorphinen.

Mit dieser Mischung aus Adrenalin, Übermüdung und Endorphinen ballerte ich dann auch die Nummer 16 mit 3:45er Pace und die 17 mit 4:05 raus. Und das kam jetzt nicht mehr aus den Beinen – das kam rein aus dem Kopf.

Inzwischen war es 18:00 Uhr, die letzte Stunde von TSP DIY war angebrochen und alle waren komplett am ausrasten. Wer noch irgendwas in den Beinen hatte, ballerte es mit aller Brutalität auf den Asphalt oder tanzte es aus den Beinen. Die Stimmung hatte irgendwas von Ibiza After Hour, aber ich hatte keinen einzigen Drink intus – ein abolutes Self-Made High, hergestellt durch Leistungswille vom eigenen Körper!

Um 18:37 durfte ich dann ein letztes Mal auf die Strecke. Scheiß auf morgen, Scheiß auf den Muskelkater – Shut up legs und let´s fucking go!

3:50er Pace und damit die schnellste Pace des Wochenendes – und das nach fast 30 Stunden laufen und mit mehr als 50km in den Beinen.

Was dann folgte, war der absolute Abriss. Um 18:51 Uhr endete das TSP DIY und viele Teams waren noch einmal geschlossen auf die Strecke gegangen um die letzten Sekunden zu feiern und kamen nun im Konfetti-Regen durch eine Wand aus Applaus, House-Beats und Bengalos zurück und ein letztes Mal über die Ziellinie in der SPORTS BASE.

Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was für ein Gefühl das ist, wenn man es als Team geschafft hat!
Wir lagen uns in den Armen, hüpften, klatschten ab und ich hatte Freudentränen, Gänsehaut und irgendwie alles an Glücksgefühlen gleichzeitig. Laufwolke 7.
Danke, danke und nochmal danke an das unglaubliche Team #LFG.

Natürlich wurde auf den Erfolg erstmal angestoßen und so ein kaltes Bierchen sorgte nun auch dafür, daß sich der total hochgepushte Körper ein wenig entspannte. Quatschen, High-Fiven, Tanzen, Trinken – so ging es dann noch ein paar Stunden weiter. Und während ich versuchte, irgendwie aus meiner TSP DIY Parallelwelt zurück in die Echtzeit zu kommen, wurde mir immer mehr deutlich, daß es nicht mein letztes TSP sein würde.
Und das Erschreckendste ist, daß ich sogar schon eine ganz konkrete Idee dafür habe. Also stay tuned!

TSP DIY Leaderboard

Nach dem Rennen dauerte es noch eine Weile, bis alle Ergebnisse hochgeladen waren. Aber ehrlich gesagt waren mir die Zahlen egal. Was wir als Team geleistet hatten, wie sich jeder auf seinem Niveau immer wieder ans Limit gepusht hat. Wie jeder trotz Schlafmangel und Wehwechen immer wieder zu richtigen Zeit am Start war und abgeliefert hat – das ist es was zählt.

Am nächsten Tag habe ich dann doch mal geschaut und bin fast vom Stuhl gefallen. Denn wir haben 394,95km in einer Pace von 4:27 geschafft mit unserem Team. Und dabei wurden anscheinend mehr als 70 Minuten Laufzeit auf dem Leaderboard nicht richtig erfasst. Wir lagen also eigentlich sogar deutlich über 400km. Trotzdem haben wir mit Platz 35 von 173 Teams richtig abgerockt. 100% “Crewlove is True love” würde ich sagen!

Kudos an Melli, Philipp, Alex, Basti, Isi, Adrian, Lulu, Philipp 2 und Pauli.


Ein paar Impressionen gibt es übrigens auch bei Insta.
Danke für die schönen Bilder an Max Menning.

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